Die laute Stille unserer nicht ausgesprochenen Worte

Es ist in der Welt der Wörter auf bedrückende Weise stiller geworden. Die letzten Monate haben auch mich ziemlich sprachlos gemacht. Viele Dinge wurden viel zu oft, ja fast schon gebetsmühlenartig auf uns eingesprochen – immer und immer wieder –, viele Gedanken hingegen gar nicht gehört, überhaupt nicht mehr miteinander ausgetauscht.

Die Sprache bekommt aktuell ja alle möglichen Zügel angelegt. Richtungen des Sagbaren werden damit vorgegeben – unsagbar Vieles scheint damit kaum noch aussprechbar, ohne dass es interpretiert, einsortiert, abgewogen, kritisiert oder direkt zurechtgestutzt und als Unsäglich verworfen und sogar beschmutzt würde …

Was kann man dann noch sagen, wenn kaum noch etwas frei fließen, sich im Aussprechen entfalten und entwickeln darf? Wer sagt uns, was wir aussprechen dürfen? Wo kommt das alles her? Und wo führt es uns hin?

Ich jedenfalls tue mich gerade schwer, Worte zu finden, in dieser Zeit, in der die Worte plötzlich nicht mehr so sein können, wie sie sind. In der die Worte so sein müssen, dass sie der aktuellen Denkweise korrekt und angemessen erscheinen.

Ja, es ist ein natürlicher Prozess, dass sich Sprache verändert, wenn sich dies natürlich ereignet. Nicht aber, wenn die Sprache einer Richtlinie folgt, einer künstlichen Ordnung, die Menschen in Schranken weist. Leitplanken vorgibt, damit alle auf einer Spur und Schiene unterwegs sind und bloß nicht vom Weg abkommen. Denn da lauert wohl immer noch der böse Wolf. Und der frisst alle mit seiner Wildheit, seinem sich nicht um die Regeln Scheren. Diese unberechenbaren Wölfe schleichen gefährlich und außerhalb der ausgetrampelten Pfade umher, auf denen die Mehrheit brav entlangdümpelt und nicht viel mitbekommt von der Wildnis, der Freiheit und den natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens, jenseits des Trampelpfades.

Ja, irgendwann erscheint es einem sogar normal und natürlich, Dinge ganz neu und eigenartig zu bezeichnen, nicht mehr beim Namen zu nennen oder sie für uns zu behalten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, heißt es oft. Aber Gedanken, Worte, Sätze zurückzuhalten, nicht zu Ende zu denken oder gar auszusprechen, das ist nicht natürlich! Das ist Verdrängung, Kontrolle, Unterdrückung, am Ende macht es uns depressiv.

Wir sind hier, um uns frei und wesensgemäß zu entfalten, ohne anderen dabei zu schaden. Wir können unser Denken und Kommunizieren nutzen, um uns und die Gemeinschaft damit voranzubringen, damit jeder gut darin leben kann, als Teil davon. Wir können tolerant sein, Entscheidungen respektieren und Anderssein neben uns akzeptieren, wie es ist. Wir Menschen sind sozial, wir leben vom Miteinander. Wir können das sehr gut, weil wir so nur überleben können. Wir können uns gegenseitig unterstützen, einander zuhören, miteinander sein und jeden so lassen, wie er ist. Dazu brauchen wir keine Vorgaben, starren Korsette oder Maßregelungen. Sondern vor allem Vertrauen, in uns und die anderen, in unseren Körper, in das Leben.

So manches Wort blieb mir in den letzten Monaten förmlich im Halse stecken. Und so manches kam herausgestolpert und mit ihm dann ein Strom zurückgehaltener Gedanken, die so kraftvoll waren, dass sie in diesem Moment nicht immer zum Besseren beigetragen haben und mich selbst überraschten. Das habe ich bereut, aber immerhin auch wahrgenommen.

Und es zeigt mir auch die Kraft, die sich in diesem Zurückgehaltenem, in diesem Nichtaussprechen der eigenen Sicht anstaut. Eine gefährliche Kraft, die wie ein Vulkan in uns brodelt und schließlich ganze Massen aus sich herausschleudert. Weil Zurückhalten, Verdrängen, Verbergen und Sich-nicht-Eingestehen, etwas zu sagen, eben nicht natürlich sind. Irgendwann muss es raus.

Was für ein schönes Mittel die Sprache in ihrem natürlichen, freien Sinne dagegen doch ist: um sich zu öffnen, zu zeigen, wie es in einem aussieht, in sich Ordnung zu schaffen, sich zu ergründen – und im Gespräch zugleich das Gegenüber.

Worte, frei und arglos ausgesprochen, können heilsam sein. Sie können beflügeln, Kraft geben, Wege finden und vorzeichnen, Verständnis stiften, Miteinander, Freiheit und Frieden.

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