Freisein – oder: Was ich wirklich vermisse.

… ein Text, den ich am Anfang der Pandemie im Gefühl des Entsetzens und Schocks geschrieben habe und den ich mich nicht getraut hatte zu veröffentlichen. Jetzt mache ich es einfach. Nachträglich. Und ich bin erstaunt, wie vieles sich davon noch immer, nach mittlerweile zwei Jahren, nicht verändert hat.

Wenigstens dürfen mittlerweile die Kinder wieder in die Schulen und Kindergärten, die Angehörigen bedingt wieder in die Altenheime, und manch einer kann auch wieder in eine Eisdiele gehen und dort ein Eis essen mit seinen Kindern, oder ins Schwimmbad – viele aber eben auch immer noch nicht. Weil sie sich nicht zu etwas zwingen lassen wollen, wozu ihr Gefühl laut nein schreit …

Hier der »alte« Text von Ende April 2020:

Seit Wochen nun sitzen wir mehr oder weniger alle und unentwegt zu Hause, unter einem Dach. Wir sind näher zusammengerückt, könnte man sagen. Und doch leben so viele Mitmenschen zugleich – wie in einem Paralleluniversum zu unserem und ebenso unfreiwillig wie wir – in der Isolation, besonders die Alten.

Wir arbeiten, unterrichten unserer Kinder, kochen, schlichten während des Arbeitens Streit oder streiten selber ein bisschen mit, räumen ständig im Vorübergehen auf (mit mehr als mäßigem Erfolg), tragen mittlerweile Masken beim Einkaufen, setzen sie danach wieder ab – öffentlich fahren müssen wir ohnehin nicht mehr, mit dem Auto nur noch zum Supermarkt, wir kümmern uns an den Wochenenden wie wild um unsere Gärten, vergraben uns in Themen, die wir schon länger auf der Liste hatten – oder auch nicht, lernen Klavier per Smartphone, gehen spazieren im Wald – linksrum, rechtsrum, mittendurch und das Ganze wieder zurück – ach lass uns doch heute mal hier lang, da sind wir schon lange nicht mehr …

Und ständig hocken alle aufeinander.

Oder ständig sind die ganz allein, die eben allein sind.

Wir versuchen, uns weniger zu informieren. Es verwirrt, macht vielen von uns Angst, zieht runter. Manche macht es wütend, andere traurig, verzweifelt, depressiv, genervt – einige fürchten sich vor der Krankheit, die bedrohlich über uns allen zu schweben scheint wie ein Damoklesschwert. Andere kämpfen mit all dem Drumherum, dem, was gerade ist, und dem, was unklar, schwammig, auch bedrohlich auf uns zuzukommen scheint. Was kommt da? Wieder andere ignorieren, manche versuchen, positiv zu bleiben. Suchen das Gute in der völlig schrägen Ausnahmesituation. Wir können ja doch nichts daran ändern.

Wirklich?

Eigentlich wissen wir nicht viel, wenn wir ehrlich sind. Wir, die wir im vermeintlichen Wissenszeitalter leben und uns darin bisher so mühelos eingerichtet und zurechtgefunden hatten. Uns alles aus dem Internet holen (können) …

Jeder hat seine Meinung, aber wenige eine Haltung. Wir glauben denen, die uns mit Strafen drohen. Die anderen, die uns mit ihren Worten wachrütteln, verbannen wir ins Abseits. Dem Regelhagel fügen wir uns, mürrisch zwar, aber größtenteils doch folgsam. Seit mittlerweile mehr als anderthalb Monaten. Und, was wir nicht so gerne zugeben, das verwirrt uns. Es passt einfach nicht zu der Art, wie wir gewöhnt sind zu leben.

Wissenschaft geht vielen dabei über alles und selbstverständlich über unser intuitives Wissen, unseren Instinkt – das leise Gefühl dafür, was für uns stimmig oder auch so gar nicht stimmig ist. Das, was die Kinder gern ganz unvoreingenommen ausplappern. Kindermund tut Wahrheit kund, sagt man doch, oder?

Das Warten auf einen rettenden, uns alle erlösenden Stoff verdrängt das Vertrauen in die Kraft unseres menschlichen Immunsystems, und das, obwohl es uns so emsig und meist ja auch recht zuverlässig schützt, seitdem wir auf der Welt sind. Den einzelnen und auch die Gesellschaft.

Wir werden künstlich voneinander getrennt gehalten, isoliert. Wie Tiere in ihren traurigen, viel zu kleinen Käfigen. Jeder weiß, dass auch der Mensch ein Herdentier, ein Gemeinschaftswesen ist, Raum braucht. Die Gemeinschaft trägt uns, nährt uns, heilt und schützt uns. Sie stärkt uns in unserer Lebendigkeit. Seit der Steinzeit wissen wir das. Ist das jetzt plötzlich alles unwichtig geworden?

Widersprüchlichkeiten, wohin man sieht …

Bestimmte Stimmen haben immer Recht, alle anderen sind immer schlecht und haben Unrecht. Alles pauschal heute. Und man weist uns darauf hin, welchen wir lauschen sollten und welchen nicht. Seit wann lassen wir uns sagen, wie wir uns informieren? Das kann ich einfach nicht glauben.

Masken sind erst nutzlos, vielleicht sogar kontraproduktiv, hieß es erst. Von jetzt an jedoch: Maskenpflicht! Was soll das?, frage ich mich widerwillig. Sie verdecken unsere Mimik, die uns ermöglicht, den anderen zu verstehen und von ihm verstanden zu werden. Ich frage mich, wie es meinem Kind darunter geht. Gerade starten wir ein Pilotprojekt. Es sagt, es ließe sich schlecht atmen darunter. Ja, stimmt, die Luft bleibt einem weg bei alledem, was gerade geschieht; es stockt einem der Atem, denke ich. Symptomatisch, diese Dinger.

Kleine Kinder sollen in Kitas von Erzieherinnen mit Masken betreut werden. Wie bitte? Haben Sie jemals ein Kind eingewöhnt? Jeder weiß, dass das schon ohne Maske eine Herausforderung ist. Aber mit?

Wir Mütter sind am Rande der Verzweiflung. Unmengen tun wir gleichzeitig, fast nichts davon so gut, wie wir gern würden. Abends fallen wir todmüde ins Bett. Das war zu Teilen natürlich schon immer so, aber jetzt ist es an bestimmten Tagen langsam unerträglich. Morgens wachen wir auf, und nicht wenige von uns realisieren dann, dass es leider doch kein Traum war, und starten schon unterschwellig frustriert in den Tag. Wie geht es erst denen, die alles alleine stemmen, frage ich mich beklommen. Den vielen Kindern in Suchtfamilien? Mit Gewalterfahrungen? Mich schaudert. Und dann raff ich mich auf, ein Gegengewicht dazu zu schaffen. Das kostet verdammt nochmal Kraft!

Alte Sterben allein, Schwangere bekommen ihre Kinder allein. Väter sehen Frühgeborene erst nach Wochen, genau wie Geschwister. Was jedoch, wenn ihnen nur genau diese Wochen blieben, weil das Kind krank wäre und sterben müsste? Ist das noch verhältnismäßig? Was dann?

Wissenschaft schafft Wissen und ist dabei nicht immer ganz so unvoreingenommen, wie wir uns dies vielleicht wünschen oder es erwarten würden.

Aber inneres Wissen und Gewissen, die sind einfach da, frei verfügbar für jeden und auch zuverlässiger in ihrer Deutung. Der Instinkt weiß ganz genau, was gut für uns ist, ohne dass wir einen vorgefertigten Gedanken dazu bräuchten. In vielen Mitmenschen regt er sich gerade, deutlich vernehmbar. In vielen rumort es ordentlich. In vielen will genau das sich zeigen, ausdrücken und raus. Es muss raus! Und zwar, weil wir alle Menschen und Gemeinschaftswesen sind. Mütter, Väter, Kinder, Omas, Opas, Cousins, Cousinen, Onkel, Tanken, Enkel, Enkelinnen, Freunde, Freundinnen, Nachbarn, Nachbarinnen. Wir alle haben ein Herz. Wir haben Gefühle, die uns zeigen, was gut für uns ist und was nicht. Und wir gehören zusammen. Wir sind eine große Menschen-Gemeinschaft, eine Gesellschaft, Kollegen, Familien, Freundeskreise, Kindergarten- und Krippengruppen, Schulklassen, Studienkollegen, Städter, Dörfler, Deutsche, Europäer, Weltbürger.

Wie viele Monate/Jahre soll das noch so weitergehen? Wir wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Uns eint, dass wir alle Menschen sind, auf demselben Planeten, der mitunter gerade sogar ein wenig aufatmet. Immerhin das!

Haben sich wirklich schon so viele darin eingerichtet, so zu tun, als könnten wir irgendwie einfach mal so weitermachen, obwohl doch nichts mehr so ist, wie es noch vor zwei Monaten/Jahren noch war? Wer glaubt das denn noch, dass dies überhaupt möglich wäre?

Ich grüble weiter:

Keine Schule mehr dieses Schuljahr? Keine Betreuung? Ja, wie soll das denn dann weitergehen? Wie lange werden wir noch mit (nicht vorhandenem) Geld gestützt, so als könnten wir uns nicht selbst versorgen, wenn nur nicht fast alle Menschen in ihren vier Wänden feststeckten, mut- und planlos?

Und: Wozu das Ganze? Warum sollte es ausgerecht bei diesem einen Virus so unverzichtbar und unabdingbar sein, die ganze Welt dicht zu machen?

Die ganze Welt – das bedeutet in Folge auch Millionen hungernder Kinder und Menschen, weil das Wenige, was ihnen bisher gerade mal gereicht hat, um von der Hand in den Mund zu leben oder ein winzig kleines Auskommen zu haben, plötzlich auch noch weggebrochen ist. Wegen der weltweiten Verordnungen, Gesetze, Krisen-Regelungen. Ja, an vielen Orten dieser Welt geht das deutlich schneller als hier bei uns, im satten, trägen Deutschland. Was ist nur mit den unfassbar Vielen, die jetzt genau deshalb sterben –  nicht etwa weil der Virus sie erwischt und dahingerafft hätte. Wie kümmern wir uns um sie? Indem wir uns von ihnen distanzieren? Ist das der Weg?

Was ist mit den unfassbar vielen armen Menschen auch bei uns im Land? Ihren Kindern, die dieses Jahr wohl einfach keine Schule mehr brauchen, wo sie immerhin ein regelmäßiges Mittagessen bekommen und was lernen würden? Alles unwichtig?

Rücksichtnahme, Wohltätigkeit und Solidarität, so es denn hierum ginge bei den ganzen Maßnahmenkatalogen, sollten keine Grenzen kennen. Momentan erscheinen sie mir vielerorts floskelhaft, leer und geheuchelt. Wir sind NICHT genug solidarisch!

Und wer hat uns eigentlich jemals gefragt, was WIR möchten?

Ich gehöre zu denen, die sich darum sorgen, was nun daraus werden soll und sich fragen, was wir nur tun können. Der Virus macht mir keine Angst! Aber warum spielt es so überhaupt keine Rolle mehr, was wir wollen? Was wir denken? Warum gestehen wir es uns selbst kaum noch zu, überhaupt etwas zu denken, geschweige denn, es auszusprechen? Warum glauben wir so vieles, ohne es zu hinterfragen?

Wer weiß denn gerade überhaupt noch, was wahr ist und was nicht? Das war ja schon immer nicht so leicht, aber jetzt herrscht doch die pure Verwirrung. Wer kann unseren Kindern noch sagen, was richtig ist? Ich glaube, das können im Grunde nur wir selbst. In uns finden wir die Antworten! Wir trauen ihnen nur nicht so recht über den Weg. Was, wenn wir allein damit dastehen?

Ja, eine Meinung zu haben, das macht uns angreifbar. Aber keine zu haben – einfach die zu übernehmen, die uns eingebläut wird –, das macht uns mundtot.

Wovor haben wir nur solche Angst? Vor unserer Verantwortung und Größe, eigenständig Antworten zu finden und dann beherzt danach zu handeln?

Oder haben wir Angst, bestraft zu werden? Zeitungen informieren uns, wie wir kontrolliert und bestraft werden, wenn wir uns nicht an die Regeln halten. Maske auf beim Autofahren, das kann teuer werden. Also nicht übertreiben, bitte!

Und wer sein Kind dann doch mal rutschen lässt, weil es bettelt und bettelt und gar nicht versteht, was eigentlich los ist, und warum das Rutschen nicht geht wegen einer Krankheit, obwohl es doch selbst gar nicht krank ist …, na gut, der wird eben bestraft, wenn er Pech hat und es einer sieht, der ihn verpetzt. So ist das heute.

Und Regeln über Regeln über Regeln über Regeln. Und kein Freisein.

Aber immerhin kaufen dürfen wir wieder, mit Masken im Gesicht. Mit dem Geld, das wir jetzt noch haben und zum Teil vom Staat bekommen. Wo nehmen wir es dann her, wenn keine Arbeit mehr für uns übrig bleibt wie bisher? Weil so vieles ruiniert ist und keiner mehr gerne kauft, weil nur noch wenige sichere Arbeit haben und viele ihr Geld deutlich besser zusammenhalten, bis es kaum noch Wert hat … Und warum muss ich mir in diesem Land überhaupt solche Gedanken machen?

Weil wir eine Verantwortung haben. Für uns, für unser Leben und das unserer Lieben.

Wir sorgen uns. Weil wir versorgen müssen: uns selbst und unsere Familien. Wann beginnen wir, Sorge zu tragen für das, wie wir wollen, dass unser Leben ist und sein soll und oder gar keinen Fall? Wie lange harren wir noch aus, wie lange stellen wir uns noch tot und hoffen, dass es keiner merkt? Wie lange richten wir uns noch in all diesen Unerträglichkeiten ein, bis es dann, irgendwann, zu spät ist, weil wir unserem eigenen inneren Wissen, das die ganze Zeit schon in uns flüstert, kein Vertrauen und Gehör geschenkt haben?

Und ringsum pure Verwirrung. Kein Ende in Sicht, kein Land. Widersprüchliche Informationen. Staatsmänner und -frauen, die keiner mehr hören will, die keiner mehr sehen kann. Weil sie uns nichts sagen, nicht ehrlich zu uns sprechen, nicht für uns handeln; nur noch bestimmen, anordnen, Regeln und Gesetze erlassen und uns mit immer neuen Verordnungen weiter hinhalten …

Was ist hier nur los?

Und obwohl ich ursprünglich teilen wollte, wofür ich dankbar bin – ganz positiv, werde ich nun sagen, was ich vermisse. Denn das, wofür ich dankbar bin, scheint mittlerweile wie ein Schatten aus vergangenen Zeiten – nicht greifbar, nicht erkennbar, wie ausgelöscht, bis auf weiteres, und von einen auf den anderen Tag vorbei. Und es ist so unglaublich viel und doch bei weitem nicht vollständig, (leider!) dass ich es einfach mal alphabetisch sortiere.

Was ich vermisse, von A bis Z:

Angehörige bei den Kranken.

Auszeiten.

Bewegungsfreiheit.

Biergärten, belebt.

Chöre.

Das Gefühl von Normalität.

Den frischen Duft nach Gemüse und Obst im Bioladen, statt des Gestanks nach Desinfektionsmittel, nach dem Gießkannenprinzip versprüht.

Ehrlichkeit.

Einfach nur Gesichter, maskenfrei.

Eisbecheressen, im Café.

Enkel bei den Omas und Opas.

Essengehen, im Restaurant.

Familienfeiern.

Familienfreundlichkeit.

Feiern mit Freunden.

Freie Demonstrationen.

Freiheit.

Freude treffen.

Freundlichkeit, den Kindern gegenüber.

Freundlichkeit untereinander.

Fröhlichkeit.

Geburtstage, die gefeiert werden dürfen.

Gegenseitige Rücksichtnahme, ohne vorherige Anordnung.

Gemeinsamkeit.

Gemeinschaft.

Generationsübergreifende Treffen.

Hoffnung.

Kinder, die frei zusammen spielen.

Kindergarten.

Kollegen.

Konzerte. Kino. Theater.

Kunst und Kultur.

Lebendigkeit.

Lebensfreude.

Meinungsfreiheit, für jeden.

Menschen. Menschen. Menschen.

Mitbestimmungsrechte.

Mitmenschlichkeit.

Mut.

Nähe, zwischen den Menschen.

Natürlichkeit.

Omas und Opas bei den Enkeln.

Perspektiven.

Pluralität im Denken.

Reisefreiheit.

Respekt und Offenheit im Umgang mit Andersdenkenden.

Rückgrat.

Schule.

Schwimmen.

Spielplätze, frei von rot-weißen Absperrbändern, voller Kinderlachen und Vergnügen.

Spontane Ausflüge.

Tapetenwechsel.

Toleranz.

Trauernde bei den Sterbenden.

Umarmungen.

Ungezwungenheit.

Väter und Geschwister bei den Neugeborenen.

Verantwortungsbewusstsein.

Vertrauen.

Vorbilder, für die Jugend.

Vorbilder, für uns alle.

Wahrhaftigkeit.

Zufriedenheit.

Zuversicht.

All das schien uns vor Wochen noch selbstverständlich. Und die Liste könnte ich, wie gesagt, noch lange fortsetzen. Wenn uns all das wichtig ist, dann denke ich, haben wir eine ganze Menge zu tun. Es wird Zeit.

Fangen wir bei uns an. Mit den Dingen, die wir tun können. Ich kann schreiben.

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